Kauft von CORA

Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus DIE SCHÖNE MIT DER MASKE, übersetzt von Alexandra Kranefeld

DIE SCHÖNE MIT DER MASKE

Wo kann ein Gentleman Vergessen suchen? In „Aphrodites Grotto“, einem exklusiven Londoner Bordell! Hier will Edward de Raaf, Earl of Swartingham, die bezaubernde Anna Wren aus seinen Gedanken verbannen. Denn so lichterloh brennt er für seine neue Privatsekretärin, dass er in ihrer Gegenwart nur mit Mühe einen kühlen Kopf bewahren kann! Der Earl ahnt nicht, wer die maskierte Schönheit ist, die ihm in dem Freudenhaus verführerisch entgegentritt: Anna! Denn Edwards Korrespondenz zu erledigen, ist für sie eine Sache. Einmal in den Armen des zuweilen unbeherrschten, aber immer unwiderstehlich männlichen Earls zu liegen, eine andere …



1. KAPITEL

Little Battleford, England
März 1760

Das Zusammentreffen eines zu schnell galoppierenden Pferdes, einer schlammigen Wegbiegung und einer zu Fuße gehenden Dame ist selten von Vorteil. Selbst unter den günstigsten Umständen ist die Wahrscheinlichkeit eines glimpflichen Ausgangs betrüblich gering. Doch wenn gar noch ein Hund hinzukommt – ein sehr großer Hund –, dann, so dachte Anna Wren bei sich, musste das Verhängnis wohl unausweichlich sein.
               
Besagtes Pferd machte einen plötzlichen Sprung zur Seite, als es Anna vor sich auf dem Weg erblickte. Die Englische Dogge, die neben dem Pferd einherlief, reagierte auf ihre Weise und rannte ihm vor die Füße, was wiederum das Pferd dazu veranlasste, sich aufzubäumen. Hufe so groß wie Untertassen schlugen in die Luft. Und so war es unvermeidlich, dass der stattliche Reiter seines Sitzes auf dem Pferderücken enthoben wurde. Der Mann fiel Anna zu Füßen wie ein abgeschossener Habicht, wenn auch weniger anmutig. Seine langen Glieder weit von sich gestreckt, verlor er bei seinem Sturz sowohl seine Reitpeitsche als auch seinen Dreispitz und landete mit einem beachtlichen Platsch in einer schlammigen Pfütze. Ein Schwall schmutzigen Wassers spritzte vor Anna auf und durchnässte sie.
               
Allesamt verharrten sie reglos, einschließlich des Hundes.
               
Dummkopf, dachte Anna, aber das war keineswegs, was sie sagte. Respektable Witwen eines bestimmten Alters – einunddreißig in zwei Monaten – werfen Gentlemen keine Schimpfworte an den Kopf, und seien sie noch so gerechtfertigt. Nein, ganz gewiss nicht.
               
"Ich hoffe, Sie haben sich nicht verletzt bei Ihrem Sturz", sagte sie stattdessen. "Dürfte ich Ihnen beim Aufstehen behilflich sein?" Mit zusammengebissenen Zähnen lächelte sie den klitschnassen Mann an.
               
Er erwiderte ihre Nettigkeiten indes nicht. "Was zum Teufel tun Sie hier mitten auf dem Weg, törichtes Weib?"
               
Der Mann hievte sich aus der Pfütze empor. Dann baute er sich in jener verdrießlichen Weise vor Anna auf, die Gentlemen an sich haben, wenn sie versuchen, gewichtig zu erscheinen, nachdem sie sich soeben blamiert haben. Das schmutzige Wasser, das sein blasses pockennarbiges Gesicht hinabrann, ließ ihn einen schrecklichen Anblick sein. Schwarze Wimpern umkränzten dicht und sinnlich seine dunkel schimmernden Augen, nur konnte das kaum von der großen Nase, dem wuchtigen Kinn und den schmalen zusammengepressten Lippen ablenken.
               
"Es tut mir sehr leid." Anna lächelte unbeeindruckt. "Ich lief gerade nach Hause. Wenn ich natürlich geahnt hätte, dass Sie die ganze Wegesbreite für sich beanspruchen würden …"
               
Doch scheinbar war seine Frage rein rhetorisch gewesen. Der Mann stiefelte davon und ließ sie mit ihrer Erklärung stehen. Auch seine Peitsche und den Hut beachtete er nicht. Stattdessen pirschte er sich an sein Pferd heran, wobei er leise und in seltsam beruhigender, monotoner Weise vor sich hin fluchte.
               
Der Hund setzte sich, um sich das Spektakel anzuschauen.
               
Das Pferd, rotbraun und knochig, hatte seltsam helle Flecken im Fell, die ihm ein wenig vorteilhaftes räudiges Aussehen verliehen. Es verdrehte wild die Augen, als es den Mann auf sich zukommen sah, und tänzelte einige Schritte zurück.
               
"So ist's recht. Zier dich wie eine Jungfrau, wenn man sie das erste Mal in die Titten kneift, du widerwärtiges, von den Würmern angefressenes Biest", raunte der Mann dem verwirrten Tier zu. "Wenn ich dich zu fassen bekomme, du unglückselige Ausgeburt einer buckeligen Eselin, die sich von einem siechen Kamel hat bespringen lassen, dann werde ich dir deinen verkrüppelten Hals umdrehen, das schwöre ich dir."
               
Das Pferd wackelte mit seinen zu groß geratenen Ohren, um dem schmeichelnden Bariton besser lauschen zu können. Zögerlich machte es einen Schritt vor. Anna konnte es dem Tier nachempfinden. Sie empfand die Stimme des unansehnlichen Mannes wie eine Feder, die leicht ihre Fußsohle streifte: irritierend und verlockend zugleich. Sie fragte sich, ob er wohl genauso klang, wenn er um die Gunst einer Frau warb. Blieb nur zu hoffen, dass er dann andere Worte wählte.
               
Schließlich war er dem betörten Pferd nah genug, um es beim Zaum zu fassen. Er blieb stehen und murmelte weitere Obszönitäten, dann schwang er sich mit einer wendigen Bewegung in den Sattel. Seine muskulösen Schenkel, dank der völlig durchnässten wildledernen Reithose unziemlich gut zu erkennen, schlossen sich fest um den Pferdeleib, als er das Tier wieder auf Kurs brachte.
               
Er neigte sein entblößtes Haupt vor Anna. "Guten Tag, Madam." Ohne sich noch einmal umzublicken, preschte er davon, den rennenden Hund an seiner Seite. Im nächsten Moment schon war er nicht mehr zu sehen, bald darauf war auch der Hufschlag verklungen.
               
Anna blickte zu Boden.
               
Ihr Korb lag in der Pfütze, sein Inhalt – ihr morgendlicher Einkauf – auf dem Weg verstreut. Sie musste ihn fallen gelassen haben, als sie vor dem Pferd zur Seite gesprungen war. Nun sickerte das Dotter aus einem halben Dutzend zerschlagener Eier in das schmutzige Wasser, und ein einsamer Hering beäugte sie vorwurfsvoll, als gebe er ihr die Schuld an seiner unwürdigen Lage. Sie hob den Fisch auf und wischte ihn ab. Zumindest er konnte noch gerettet werden. Ihr graues Kleid hingegen war in beklagenswertem Zustand, wenngleich seine ursprüngliche Farbe sich nicht allzu sehr unterschied von der des Schlammes, der es nun verdreckte. Anna zupfte an den Röcken, die ihr nass an den Beinen klebten, und ließ sie seufzend wieder fallen. Sie sah sich um, blickte den Weg erst hinauf und dann hinunter. Über ihr schüttelte der Wind die kahlen Zweige der Bäume. Der Weg war menschenleer.
               
Anna holte tief Luft und sagte das Unsägliche laut vor Gott und ihrer eigenen unsterblichen Seele: "Verdammter Mistkerl!" Sie hielt den Atem an und wartete darauf, dass ein Blitzschlag sie treffe oder vielleicht eher ein Anflug von Schuld sie überkomme. Doch beides blieb aus, was sie eigentlich hätte beunruhigen sollen. Immerhin gehörte es sich nicht, dass eine Dame einen Gentleman verfluchte, ganz gleich, wie berechtigt der Anlass.
               
Und schließlich war sie doch eine respektable Dame, oder etwa nicht?
               
Bis sie schließlich den Pfad zu ihrem Häuschen hinauflief, waren ihre Röcke steif getrocknet und machten jeden Schritt beschwerlich. Im Sommer, wenn üppige Blütenpracht den kleinen Garten vor dem Haus erfüllte, wirkte es sehr freundlich, doch zu dieser Jahreszeit herrschte auch hier noch trist dunkelbraunes Erdreich vor. Ehe Anna am Haus angelangt war, tat sich bereits die Tür auf. Eine kleine Frau mit taubengrauen Löckchen, die ihr munter um die Schläfen wippten, spähte hinaus.
               
"Oh, da bist du ja endlich." Die Frau winkte mit einem Holzlöffel und spritzte sich dabei ein wenig Bratensoße auf die Wange. "Fanny und ich haben Hammeleintopf gemacht, und ich finde, dass ihre Soßen schon viel besser geworden sind. Wirklich, man kann kaum noch Klümpchen darin sehen." Sie beugte sich vor und flüsterte: "Aber an den Knödeln arbeiten wir noch. Ich fürchte, sie haben eine recht ungewöhnliche Konsistenz."
               
Anna lächelte ihre Schwiegermutter müde an. "Ich bin mir sicher, dass der Eintopf wunderbar schmecken wird." Sie trat in den engen Hausflur und stellte ihren Korb ab.
               
Zunächst strahlte die ältere Frau noch über das ganze Gesicht, doch als Anna dann an ihr vorbeiging, rümpfte sie die Nase. "Du riechst ja ganz seltsam, meine Liebe …" Ihr Blick fiel auf Annas Rüschenhaube. "Und warum hast du nasse Blätter auf deiner Haube?"
               
Anna schnitt eine Grimasse und hob die Hand, um nach ihrer Haube zu tasten. "Ich fürchte, dass mich unterwegs ein kleines Malheur ereilt hat."
               
"Ein Malheur?" Mutter Wren ließ vor Aufregung den Löffel fallen. "Bist du verletzt? Aber schau nur dein Kleid an! Du siehst ja aus, als hättest du dich im Schweinepfuhl gesuhlt."
               
"Es ist nicht so schlimm, nur ein bisschen nass und schmutzig."
               
"Wir müssen dir sofort etwas Trockenes anziehen, meine Liebe. Und deine Haare … Fanny!", unterbrach Mutter Wren sich, um in die ungefähre Richtung der Küche zu rufen. "Wir müssen es waschen. Dein Haar, meine ich. Warte, lass mich dir die Treppe hinaufhelfen. Fanny!"
               
Ein Mädchen, das ganz aus spitzen Ellenbogen, geröteten Händen und einem karottenroten Haarschopf zu bestehen schien, kam in den Flur gehuscht. "Was is'?"
               
Mutter Wren blieb hinter Anna auf der Treppe stehen und beugte sich über das Geländer. "Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass es 'Ja, Madam?' heißt? Du wirst nie eine Anstellung in einem herrschaftlichen Haus bekommen, solange du nicht ordentlich zu sprechen weißt."
               
Fanny sah mit leicht geöffnetem Mund zu den beiden Frauen hinauf und blinzelte.
               
Mutter Wren seufzte leise. "Stell einen Topf Wasser aufs Feuer. Miss Anna möchte sich die Haare waschen."
               
Das Mädchen eilte zurück in die Küche, streckte dann aber noch einmal kurz ihren Kopf aus der Tür. "Ja, Mam."
               
Die steilen Stufen führten auf einen schmalen Treppenabsatz. Links war das Zimmer der älteren Mrs. Wren, rechts das von Anna. Sie trat in ihre bescheidenen Räumlichkeiten und geradewegs vor den Spiegel, der über der Frisierkommode hing.
               
"Ich weiß wirklich nicht, was aus dem Städtchen noch werden soll", schnaufte ihre Schwiegermutter hinter ihr. "Hat eine Droschke dich nass gespritzt? Manche dieser Postkutscher fahren schlicht unverantwortlich. Sie denken, dass ihnen die Straße ganz allein gehört."
               
"Da bin ich völlig Ihrer Ansicht", erwiderte Anna, während sie ihr Spiegelbild musterte. Über dem Rahmen hing ein verblichener Kranz aus getrockneten Apfelblüten, eine Erinnerung an ihre Hochzeit. "Aber diesmal war es ein einzelner Reiter." Ihr Haar sah aus wie ein Vogelnest, und sie hatte kleine Schlammspritzer auf der Stirn.
               
"Noch schlimmer, diese Gentlemen zu Pferde", murmelte die ältere Frau. "Also, ich denke ja, dass manche von denen ihre Tiere überhaupt nicht zu bändigen wissen. Furchtbar gefährlich. Eine Gefahr für Frauen und Kinder."
               
"Mmh." Anna streifte sich ihr Schultertuch ab und stieß sich das Schienbein an einem Stuhl, während sie umherging. Sie sah sich in dem winzigen Zimmer um. Hier hatten sie und Peter die gesamten vier Jahre ihrer Ehe zugebracht. Sie hängte das Tuch und ihre Haube an jenen Garderobenhaken, wo früher stets Peters Rock gehangen hatte. Der hölzerne Schemel, auf dem sich einst seine gewichtigen Bände mit Gesetzestexten gestapelt hatten, diente ihr als kleiner Nachttisch. Die Bürste, in deren Borsten noch immer einige von Peters roten Haaren hingen, hatte sie vor langer Zeit schon weggepackt.
               
"Wenigstens konntest du den Hering retten", meinte Mutter Wren weiter. "Wenngleich ich bezweifle, dass ein Bad im Schlamm seinen Geschmack verbessert haben wird."
               
"Gewiss nicht", erwiderte Anna abwesend. Ihr Blick kehrte zu dem welken Brautkranz zurück. Er fiel bereits auseinander. Kein Wunder, denn immerhin war sie nun schon seit sechs Jahren verwitwet. Grässliches Ding. Sie streifte ihn kurz entschlossen vom Rahmen und ließ ihn auf den Kommodentisch fallen, um ihn später hinunter in den Garten zu bringen und auf den Haufen mit den Küchenabfällen zu werfen.
               
"Warte, meine Liebe, lass mich dir helfen." Mutter Wren fing an, die Haken und Ösen ihres Kleides zu öffnen. "Das müssen wir gleich mit dem Schwamm bearbeiten. Um den Saum herum ist besonders viel Schlamm. Vielleicht könnte ich auch eine neue Bordüre …" Ihre Stimme war nur noch gedämpft zu hören, da sie sich vornübergebückt hatte. "Oh, da fällt mir ein, hast du meine Spitze an die Putzmacherin verkaufen können?"
               
Anna streifte sich das Kleid ab und stieg aus den Röcken heraus. "Ja, ihr hat sie sehr gut gefallen. Sie meinte, es wäre die beste Spitze, die sie seit Langem zu sehen bekommen hat."
               
"Nun ja, ich mache das ja auch schon seit bald vierzig Jahren." Mutter Wren versuchte, dennoch bescheiden zu wirken. Sie räusperte sich. "Und wie viel hat sie dir dafür gezahlt?"
               
Anna zuckte kurz zusammen. "Einen Shilling und Sixpence", sagte sie und griff nach ihrem fadenscheinigen Morgenmantel.
               
"Aber ich habe fünf Monate daran gearbeitet!", stieß Mutter Wren hervor.
               
"Ich weiß." Anna seufzte und ließ ihr Haar herab. "Wie ich schon sagte, die Putzmacherin fand Ihre Klöppeleiarbeiten wunderschön. Nur leider bringt Spitze nicht viel ein."
               
"Und ob es das tut, wenn sie mit meiner Spitze erst einmal Haube oder Kleid verziert hat", grummelte Mutter Wren.
               
Mitfühlend verzog Anna das Gesicht. Dann nahm sie ein Badetuch von einem der Haken an den Dachsparren, und schweigend gingen die beiden Frauen wieder nach unten.
               
In der Küche wachte Fanny über den Wasserkessel. Es roch nach getrockneten Kräutern, die bündelweise von den schwarzen Deckenbalken herabhingen. Eine Seite des Raumes wurde ganz von der alten, aus Ziegelsteinen gemauerten Feuerstelle eingenommen. Gegenüber war ein von Vorhängen gerahmtes Fenster, durch das man auf den Garten hinausblicken konnte. Kraus und zartgrün reihten sich die frühen Salatköpfe in dem kleinen Beet. Auch die Rüben und Rettiche waren seit einer Woche reif.
               
Mutter Wren stellte eine angeschlagene Schüssel auf den Küchentisch. Er war von den vielen Jahren, da er schon benutzt wurde, blank gescheuert und nahm inmitten der kleinen Küche einen Ehrenplatz ein. Nur nachts wurde er an die Wand geschoben, damit das Mädchen Platz hatte, sich vor dem Feuer schlafen zu legen.
               
Fanny brachte den Kessel herbei. Anna beugte sich über die Schüssel, und Mutter Wren goss ihr das Wasser über den Kopf. Es war lauwarm.
               
Anna seifte sich ihr Haar ein und holte tief Luft. "Ich fürchte, wir müssen hinsichtlich unserer finanziellen Situation etwas unternehmen."
               
"Jetzt sag nicht, dass wir noch mehr sparen sollen, Liebes", erklärte Mutter Wren stöhnend. "Wir verzichten doch schon auf frisches Fleisch – abgesehen von Hammelfleisch jeden Dienstag und Donnerstag. Und wir haben uns beide seit Ewigkeiten kein neues Kleid mehr gegönnt."
               
Anna war nicht entgangen, dass ihre Schwiegermutter die Kosten für Fannys Unterhalt nicht erwähnt hatte. Dem Anschein nach war sie ihnen zwar Hausmädchen und Köchin in einer Person, aber in Wirklichkeit war ihre Anwesenheit im Hause der Wrens wohltätigen Ursprungs. Das Mädchen war gerade einmal zehn Jahre alt gewesen, als ihr Großvater starb, der auch ihr einziger Angehöriger war. Damals hatte es im Dorf geheißen, man solle Fanny ins Armenhaus schicken, was Anna jedoch zu verhindern wusste. Seitdem lebte das Mädchen bei ihnen. Mutter Wren hatte zudem die Hoffnung noch nicht aufgegeben, sie auf eine Anstellung in einem größeren Haushalt vorzubereiten, bislang machte Fanny indes nur bescheidene Fortschritte.
               
"Sie haben bislang sehr gut hausgehalten", meinte Anna, während sie sich den spärlichen Schaum in die Haare massierte. "Aber die Investitionen, die Peter uns hinterlassen hat, entwickeln sich nicht mehr so gut wie einst. Seit er verstorben ist, hat sich unser Einkommen beständig verringert."
               
"Es ist eine Schande, dass er uns nur so wenig hinterlassen hat, um unser Leben zu bestreiten", befand Mutter Wren.
               
Anna seufzte. "Es war nicht seine Absicht, uns eine so geringe Summe zu hinterlassen. Er war ja noch ein junger Mann, als das Fieber ihn dahingerafft hat. Hätte er länger gelebt, würde er wohl ein beträchtliches Vermögen aufgebaut haben, dessen bin ich mir gewiss."
               
Es war tatsächlich so, dass Peter ihre Finanzen seit dem Tod seines Vaters, der kurz vor ihrer Hochzeit gestorben war, erheblich verbessert hatte. Der alte Wren war Anwalt gewesen, doch einige schlecht beratene Investitionen hatten ihn in Schulden gestürzt. Gleich nach der Hochzeit hatte Peter das Haus verkauft, in dem er aufgewachsen war, um mit dem Erlös die Schulden zu begleichen. Mit seiner frisch angetrauten Braut und seiner verwitweten Mutter war er dann in das viel kleinere Cottage gezogen. Er hatte selbst gerade als Anwalt zu arbeiten begonnen, als er erkrankt und zwei Wochen darauf gestorben war.
               
Und es Anna überlassen hatte, für den kleinen Haushalt zu sorgen. "Bitte ausspülen."
               
Ein Schwall kalten Wassers ergoss sich ihr über Kopf und Nacken. Sie prüfte kurz, ob auch alle Seife herausgespült war, dann wrang sie ihre nassen Haare aus, wickelte sich das Handtuch um den Kopf und sah auf. "Ich denke, ich sollte mir eine Anstellung suchen."
               
"Oh, nicht doch, meine Liebe!" Mutter Wren ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. "Eine Dame arbeitet nicht."
               
Anna musste schmunzeln. "Wäre es Ihnen lieber, ich bliebe eine Dame, und wir würden verhungern?"
               
Mutter Wren zögerte, als würde sie diese Möglichkeit durchaus in Erwägung ziehen.
               
"Das war nicht ernst gemeint", sagte Anna rasch. "Es wird nicht so weit kommen, dass wir verhungern müssten. Aber wir brauchen dennoch mehr Einkünfte."
               
"Vielleicht könnten wir versuchen, mehr Spitze zu verkaufen? Oder … oder ich verzichte ganz auf Fleisch", schlug ihre Schwiegermutter ein wenig verzweifelt vor.
               
"Ich möchte aber nicht, dass Sie das tun. Und wozu hat mein Vater mir eine so gute Schulbildung zukommen lassen?"
               
Mutter Wrens Miene hellte sich auf. "Dein Vater war der beste Pfarrer, den Little Battleford je gehabt hat, Gott hab ihn selig. Und seine Ansichten über eine angemessene Bildung für alle Kinder hat er ja wahrlich nie verhehlt."
               
"Mmmh." Anna wickelte sich das Tuch wieder vom Kopf und begann, sich ihr nasses Haar auszukämmen. "Er hat immerhin dafür gesorgt, dass ich Lesen, Schreiben und Rechnen lerne, sogar ein wenig Griechisch und Latein kann ich. Ich werde mich morgen wohl nach einer Stelle als Gouvernante oder Gesellschafterin umsehen."
               
"Die alte Mrs. Lester ist fast völlig erblindet. Bestimmt würde ihr Schwiegersohn dich anstellen, damit du ihr etwas vorliest …" Mutter Wren brach unvermittelt ab.
               
Im selben Moment stieg Anna ein beißender Geruch in die Nase. "Fanny!"
               
Das Hausmädchen hatte ganz gebannt die Unterhaltung ihrer beiden Dienstherrinnen verfolgt. Nun schrie sie erschrocken auf und lief ganz aufgescheucht zu der Kasserolle mit Hammeleintopf, die über dem Feuer schmorte.
               
Anna stöhnte. Schon wieder angebranntes Abendessen.

*             *             *

Vor der Tür zur Bibliothek des Earl of Swartingham blieb Felix Hopple kurz stehen, um sein Äußeres zu prüfen. Seine Perücke mit den beiden straff ondulierten Rollmopslöckchen war frisch gepudert, in einer sehr vorteilhaften violetten Schattierung. Seine für sein Alter noch recht grazile Figur war angetan mit einer rehbraunen Weste, eingefasst mit Bordüren, auf denen sich gelbe Blätter rankten. Und seine Strümpfe waren grün und orange gestreift – sehr schick, ohne extravagant zu sein. Kurzum: Seine Garderobe war vollendet. Es bestand wahrlich kein Grund, so zögerlich vor der Tür zu stehen.
               
Er seufzte. Der Earl konnte von beunruhigend aufbrausendem Temperament sein. Als Verwalter von Ravenhill Abbey hatte Felix den ungehaltenen Ton seines Dienstherrn während der letzten zwei Wochen des Öfteren vernehmen müssen. Er kam sich dann immer vor wie einer jener unglückseligen Gentlemen, von denen man in Reiseberichten lesen konnte, wie sie im Schatten bedrohlicher Vulkane lebten. Vulkane, die jederzeit ausbrechen konnten. Warum Lord Swartingham sich nach Jahren der friedvollen Abwesenheit wieder entschieden hatte, auf seinem Landsitz zu residieren, war Felix ein Rätsel, doch hatte er das ungute Gefühl, dass der Earl für lange, lange Zeit zu bleiben gedachte.
               
Bedächtig strich er sich über den Wams und kam zu dem Schluss, dass die Angelegenheit, mit der er den Earl behelligen musste, zwar höchst unerfreulich, ihm jedoch keineswegs als seine Schuld auszulegen war. Derart moralisch gestärkt, nickte er entschlossen und klopfte an die Tür zur Bibliothek.
               
Es folgte Stille, bevor eine tiefe, feste Stimme befahl: "Herein!"
               
Die Bibliothek war im Westflügel des Herrenhauses gelegen, und durch die hohen, weiten Fenster fiel strahlend hell die späte Nachmittagssonne herein. Man sollte meinen, dass dies der Bibliothek eine freundliche und warme Atmosphäre verliehe, doch irgendwie wurden die Sonnenstrahlen von dem weitläufigen Raum verschluckt, kaum dass sie hereingelangt waren. Im Großteil der Bibliothek herrschte tiefes Dämmerlicht. Die Gewölbedecke – ganze zwei Geschoss hoch – war von düsteren Schatten verhangen.
               
Der Earl saß hinter einem ausladenden barocken Schreibtisch, der einen weniger imposanten Mann zwergenhaft hätte erscheinen lassen. Nahebei versuchte ein Feuer lustig und anheimelnd zu brennen, scheiterte jedoch kläglich. Ein riesiger, braun gescheckter Hund lag vor dem Kamin hingestreckt, als ob er tot sei. Felix zuckte zusammen. Der Hund war ein Mischling mit einem beträchtlichen Anteil Englischer Dogge und vielleicht noch ein wenig Wolfshund. Herausgekommen war ein hässliches, bösartig aussehendes Wesen, dem er tunlichst aus dem Wege ging.
               
Felix räusperte sich. "Wenn ich einen Moment stören dürfte, Mylord …"
               
Lord Swartingham sah von dem Schreiben auf, das er in der Hand hielt. "Was gibt es denn nun schon wieder, Hopple? Kommen Sie rein, Mann. Setzen Sie sich, während ich das hier zu Ende lese. Gleich werde ich Ihnen meine ungeteilte Aufmerksamkeit widmen."
               
Felix ging zu einem der Sessel, die vor dem schweren Mahagonitisch standen, und sank in die weichen Polster, wobei er den Hund keine Sekunde aus den Augen ließ. Dann jedoch nutzte er die Gnadenfrist dazu, seinen Dienstherrn zu mustern und Mutmaßungen über dessen Laune anzustellen. Mit finster gerunzelter Braue blickte der Earl auf das Schriftstück vor ihm. Die Pockennarben in seinem Gesicht machten diese Miene nicht gerade einnehmender. Aber das musste keineswegs ein schlechtes Zeichen sein. Der Earl sah für gewöhnlich finster drein.
               
Lord Swartingham legte die Papiere mit ungehaltener Geste beiseite, nahm die Lesebrille mit den kleinen ovalen Gläsern ab und lehnte sich so ungestüm in seinem Sessel zurück, dass dieser unter seinem nicht unerheblichen Gewicht laut ächzte. Felix zuckte abermals zusammen, diesmal aus Mitgefühl mit dem Mobiliar.
               
"Und, Hopple?"
               
"Mylord, es gibt unerfreuliche Neuigkeiten, die Sie aber hoffentlich nicht allzu sehr aufregen werden." Er lächelte verhalten.
               
Schweigend blickte der Earl seinen Verwalter an.
               
Felix zupfte an seinen Manschetten herum. "Mr. Tootleham, den neuen Sekretär, haben Nachrichten von einem familiären Notfall ereilt, weswegen er sich recht kurzfristig genötigt sah, seine Kündigung einzureichen."
               
Noch immer war der Miene des Earls keine Regung anzusehen, wenngleich er mittlerweile mit den Fingern auf die Armlehne zu trommeln begonnen hatte.
               
Rasch sprach Felix weiter: "Es scheint so, als wären Mr. Tootlehams Eltern, die in London leben, durch ein Fieber ans Bett gebunden und würden seiner Hilfe bedürfen. Es ist wohl ein sehr heftiges Fieber, mit starken Schweißausbrüchen und Durchfall, sehr … sehr ansteckend."
               
Der Earl hob eine seiner schwarzen Brauen.
               
"Um … um ganz genau zu sein, so haben auch Mr. Tootlehams beide Brüder, seine drei Schwestern, die gebrechliche Großmutter, eine Tante und die Hauskatze sich angesteckt und sehen sich daher völlig außerstande, für sich selbst sorgen." Felix hielt inne und schaute den Earl an.
               
Schweigen.
               
Felix rang redlich darum, sich weiteres Gerede zu versagen.
               
"Die Hauskatze?", meinte Lord Swartingham da mit leise grollender Stimme.
               
Gerade wollte Felix stammelnd zu einer Erwiderung ansetzen, als er von einer gebrüllten Unflätigkeit unterbrochen wurde. Mit letzthin neu erworbener und mittlerweile sehr anmutiger Geübtheit ging er in Deckung, während der Earl ein Keramikschälchen zur Hand nahm und über Felix' Kopf hinweg in Richtung Tür schleuderte. Laut berstend ging es zu Bruch, die Scherben fielen etwas leiser klirrend zu Boden. Der Hund, scheinbar schon lange daran gewöhnt, wie Lord Swartingham seinem Ärger Luft zu machen pflegte, seufzte nur.
               
Lord Swartingham atmete schwer und schien Felix mit seinen rabenschwarzen Augen durchbohren zu wollen. "Ich nehme an, Sie haben bereits Ersatz gefunden."
               
Plötzlich wurde Felix seine Halsbinde ein wenig zu eng. Er fuhr sich mit dem Finger darunter. "Nun, um genau zu sein, Mylord, obwohl ich natürlich sehr … sehr gründlich gesucht habe … in allen Dörfern hier in der Umgebung habe ich bereits gesucht … so habe ich doch noch nicht …" Er schluckte und erwiderte tapfer den Blick seines Dienstherrn. "Ich fürchte, noch keinen neuen Sekretär gefunden zu haben."
               
Lord Swartingham rührte sich nicht. "In vier Wochen werde ich im Rahmen der Vorlesungsreihe der Agrarwissenschaftlichen Gesellschaft einen Vortrag halten und brauche einen Sekretär, um eine Reinschrift meines Manuskriptes anzufertigen", sagte er unheilvoll langsam und betont deutlich. "Vorzugsweise jemanden, der länger als zwei Tage bleibt. Finden Sie gefälligst so jemand!" Damit griff er nach seinen Unterlagen und wandte sich wieder der Lektüre zu.
               
Die Audienz war vorüber.
               
"Jawohl, Mylord." Felix sprang eiligst auf und rannte zur Tür. "Ich werde sofort mit der Suche beginnen, Mylord."
               
Lord Swartingham wartete, bis Felix schon fast die rettende Tür erreicht hatte, bevor er noch einmal lospolterte: "Hopple!"
               
Wie auf der Flucht ertappt, nahm Felix schuldbewusst die Hand vom Türknauf. "Mylord?"
               
"Sie haben Zeit bis übermorgen früh."
               
Felix blickte auf den noch immer über seine Unterlagen gebeugten Kopf seines Dienstherrn und schluckte. Er fühlte sich, wie Herkules sich gefühlt haben musste, als er zum ersten Mal die Stallungen des Augias erblickt hatte. "Jawohl, Mylord."

*             *             *

Edward de Raaf, der fünfte Earl of Swartingham, hatte den Bericht über sein Anwesen in North Yorkshire zu Ende gelesen und warf ihn samt der Lesebrille auf einen Stapel anderer Unterlagen. Das hereinfallende Licht schwand rasch dahin und würde bald ganz der Dunkelheit gewichen sein. Er erhob sich aus seinem Sessel und ging zum Fenster hinüber. Auch der Hund erhob sich, streckte sich, tappte seinem Herrn hinterher und stupste ihn an der Hand. Gedankenverloren kraulte Edward ihn hinter den Ohren.
               
Das war nun schon der zweite Sekretär, dachte er, der sich in gerade einmal zwei Wochen bei Nacht und Nebel davonmachte. Man könnte fast meinen, er sei ein Ungeheuer. Beide Sekretäre waren aber auch wirklich mehr Maus als Mann gewesen. Sobald man ein wenig aufbrauste, die Stimme erhob, huschten sie verschreckt davon. Wenn wenigstens einer seiner Sekretäre nur halb so viel Schneid gehabt hätte wie die Frau, die er gestern fast über den Haufen gerannt hätte … Seine Lippen zuckten belustigt. Ihm war ihre sarkastische Erwiderung auf seine Frage, was sie da mitten auf dem Weg mache, keineswegs entgangen. Nein, diese Frau hatte sich nicht einschüchtern lassen, als er Wut und Feuer gespien hatte. Schade, dass seine Sekretäre dessen nicht ebenso fähig waren.
               
Finster blickte er hinaus in die Dunkelheit. Und dann wäre da noch ein weiterer, ihm indes sehr zusetzender … Verdruss. Das Zuhause seiner Kindheit glich nicht mehr dem seiner Erinnerung.
               
Natürlich nicht, er war ja nun erwachsen. Als er Ravenhill Abbey zuletzt gesehen hatte, war er noch ein junges Bürschchen gewesen, das den Verlust seiner gesamten Familie betrauert hatte. In den zwei Jahrzehnten, die seitdem vergangen waren, hatte er abwechselnd auf seinen Gütern im Norden und in seinem Londoner Stadthaus gelebt. Doch an beiden Orten hatte er sich eigentlich nie so recht zu Hause gefühlt. Der Abbey hingegen war er ferngeblieben, weil er wusste, dass es dort nie wieder so sein würde wie damals, als seine Familie noch lebte. Natürlich hatte er sich auf Veränderungen gefasst gemacht – aber nicht auf solche Trostlosigkeit. Oder dieses entsetzliche Gefühl der Einsamkeit. Die verlassenen Flure und leer stehenden Zimmer setzten ihm zu, verhöhnten ihn mit der Erinnerung an das Lachen, das einst aus ihnen erklungen, und das warme Licht, das sie einst erfüllt hatte.
               
Der Erinnerung an seine Familie.
               
Einzig aus dem Grund hatte er darauf bestanden, das Herrenhaus wieder wohnlich herrichten zu lassen, weil er hoffte, seine Braut hierher zu bringen – seine zukünftige Braut, sollte den Verhandlungen über den Ehevertrag denn Erfolg beschieden sein. Er würde die Fehler seiner ersten, nur kurzen Ehe nicht wiederholen und versuchen, sich anderswo niederzulassen. Damals hatte er seine junge Frau glücklich stimmen wollen, indem er in ihrer Heimat Yorkshire blieb. Vergeblich. In den Jahren seit dem frühen Tod seiner Gemahlin war er zu dem Schluss gelangt, dass sie nirgendwo glücklich mit ihm gewesen wäre, ganz gleich, wo sie ihr Zuhause gehabt hätten.
               
Edward wandte sich jäh vom Fenster ab und ging mit langen Schritten zur Tür. Er wollte beginnen, was er sich vorgenommen hatte, unverdrossen. Er würde auf Ravenhill Abbey leben, es wieder zu einem lebendigen Zuhause machen. Seit Generationen schon war es der Familiensitz des Earls, und hier beabsichtigte er, die Linie der Swartinghams fortzusetzen, Wurzeln zu schlagen. Und wenn seine Ehe Früchte trug, wenn in den weiten Fluren abermals Kinderlachen erklang, dann würde Ravenhill Abbey gewiss wieder zum Leben erwachen.

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